Ethanolamine
Hebt den pH-Wert an, damit die Schuppenschicht aufquillt und die Farbvorstufen eindringen können.
Kurzübersicht
- Funktion
- Alkalisierungsmittel
- Herkunft
- Synthetisch
- Produktbereiche
- Haarfarbe, Glättungsmittel
Was es ist
Ethanolamin ist der Stoff, der in „ammoniakfreien“ Haarfarben die Arbeit des Ammoniaks übernimmt. Eine Oxidationsfarbe muss die Schuppenschicht öffnen, damit die Farbvorstufen ins Haarinnere gelangen — dafür braucht sie ein alkalisches Mittel. Fällt Ammoniak weg, tritt fast immer Ethanolamin an seine Stelle.
Damit ist dieser Eintrag der deutlichste Beleg des Lexikons dafür, dass eine Werbeaussage und eine Eigenschaft zwei verschiedene Dinge sind. „Ohne Ammoniak“ beschreibt zutreffend, was fehlt, und sagt nichts darüber, was stattdessen enthalten ist. Ethanolamin riecht deutlich weniger — ätzend ist es ebenfalls, und anders als Ammoniak verdunstet es nicht.
Einordnung
- Ergebnis
- Erhöhte Aufmerksamkeit
- Vertrauen
- mittel
- Evidenz
- C — begrenzte Evidenz
- Bezogen auf
- Kosmetik, äußerliche Anwendung auf Haar und Kopfhaut; hier zwei Haarfarben und ein Glättungsmittel, jeweils angerührt, aufgetragen und nach der Einwirkzeit ausgespült; die berufliche Belastung beim Anrühren ist ein eigener Weg; Konzentration im Produkt nicht dokumentiert
Warum
- Herkunft korrigiert, und zwar deutlich: Das Kurzfeld nannte bis zum 11.09.2026 einen „natürlichen Inhaltsstoff aus Kokosnuss“. Das ist falsch. Ethanolamin entsteht großtechnisch aus Ethylenoxid und Ammoniak; mit Kokosnuss hat der Stoff nichts zu tun. Die Verwechslung stammt vermutlich von Cocamide MEA — einem anderen Stoff, bei dem ein Fettsäurerest aus Kokosöl an Ethanolamin gebunden ist. Das Kurzfeld lautet jetzt in allen vier Sprachen „synthetisch“.
- Funktion korrigiert: „Angleich des pH-Wertes“ beschreibt die Rolle zu harmlos. Ethanolamin gleicht nichts an, es hebt den pH-Wert deutlich an, damit die Faser aufquillt und sich öffnet. Genau das ist der Zweck, und genau daraus folgt die Belastung von Haar und Kopfhaut. Funktion und Begründung wurden in allen vier Sprachen neu gefasst.
- Warum die Einordnung „erhöhte Aufmerksamkeit“ lautet: Für dieselbe Aufhellung wird mehr Ethanolamin benötigt als Ammoniak — das hält eine Arbeit im Journal of Cosmetic Science von 2014 ausdrücklich fest. Dazu kommt der zweite Unterschied: Ammoniak ist flüchtig und entweicht zu einem großen Teil, Ethanolamin bleibt im Haar.
- Eine Arbeit im Journal of Dermatological Science von 2012 hat an Mäusen untersucht, welche Bestandteile einer Haarfarbe Hautentzündung und Haarausfall auslösen, und kam auf Wasserstoffperoxid und Ethanolamin. Das ist ein Tiermodell mit dreitägiger Anwendung auf dem Rücken und nicht ohne Weiteres auf einen Salontermin übertragbar. Es steht hier, weil es eine der wenigen Arbeiten ist, die die Bestandteile einzeln geprüft hat, und nicht als Beleg für einen Schaden am Menschen.
- Ein Gegengewicht gehört dazu. Eine Doktorarbeit der University of York von 2014 fand, dass die Unterschiede zwischen Ethanolamin und Ammoniak in Modellsystemen verschwinden, sobald ein starker Komplexbildner zugesetzt wird. Ein Teil des beobachteten Unterschieds geht also möglicherweise nicht auf den Alkalisierer selbst zurück, sondern auf Metallionen, die den Zerfall des Peroxids antreiben. In den Produkten dieses Lexikons stehen aus genau diesem Grund Etidronsäure und Tetrasodium EDTA daneben.
- Für eines der drei Produkte liegen inzwischen Zahlen vor. Nach dem Produktdatenblatt von Herb UK vom 16.01.2023 ist das OCS Colour Gel mit pH 9,0 bis 11,0 deklariert, der zugehörige Entwickler mit pH 1,5 bis 2,5 bei höchstens sechs Prozent Wasserstoffperoxid; gemischt wird 1:1. Eine pH-Tabelle aus den Schulungsunterlagen des Herstellers nennt für die fertige Mischung 8,5 bis 9,5. Übliche dauerhafte Oxidationsfarben liegen angerührt bei 9,5 bis 10,5 — dieses Produkt liegt also am unteren Rand. Beides sind Herstellerangaben und keine eigene Messung.
- Dasselbe Datenblatt nennt als größten Bestandteil des Farbgels ein ethoxyliertes Fettamin mit über zwanzig Prozent — ein Stoff, der selbst alkalisch wirkt; die Zutatenliste führt an erster Stelle PEG-2 Soyamine. Ethanolamin steht nicht in der Aufstellung der Bestandteile über zehn Prozent und liegt damit darunter. In diesem Produkt ist Ethanolamin also nicht der Hauptalkalisierer. Für die beiden anderen Produkte dieses Datensatzes liegen keine vergleichbaren Angaben vor; die Einordnung oben gilt weiterhin für den Stoff und nicht für ein einzelnes Produkt.
Wann die Einordnung abweicht
- Beschäftigte im Salon: Der Stoff ist ätzend und kann die Atemwege reizen. Wer täglich Farbe anrührt und aufträgt, trägt die höchste Belastung im Raum.
- Gereizte oder verletzte Kopfhaut: Bei Farbe ist die Kopfhaut ohnehin belastet; ein alkalischer Stoff fällt dort stärker ins Gewicht als auf intakter Haut.
- Bekannte Kontaktallergie gegen Ethanolamin: Dann ist das Produkt ungeeignet, unabhängig von der Einordnung oben.
- Wer „ohne Ammoniak“ als schonender versteht: Die Auslobung beschreibt, was fehlt, nicht was ersetzt wurde. Für die Beratung ist das der Kern dieses Eintrags.
- Häufige Farbtermine: Die Belastung summiert sich über Jahre und nicht über den einzelnen Termin.
Offene Punkte
- Konzentration im konkreten Produkt: liegt weiterhin nicht vor. Für das OCS Colour Gel ist immerhin belegt, dass sie unter zehn Prozent liegt und dass der Stoff dort nicht der Hauptalkalisierer ist; ein genauer Wert fehlt. Für die beiden Schwarzkopf-Produkte fehlt jede Angabe.
- Die verbreitete Angabe, ethanolaminbasierte Farben verursachten bis zu 85 Prozent mehr Faserschaden: Diese Zahl kursiert in der Fachpresse. Die zugrundeliegende Arbeit ist hier nicht im Volltext geprüft. Belegt sind an dieser Stelle nur Richtung und Mechanismus, nicht die Größenordnung.
- Übertragbarkeit der Mausstudie von 2012 auf die Anwendung am Menschen: nicht geprüft und nach Anlage der Studie auch nicht zu erwarten.
- Anteil der Metallionen am beobachteten Unterschied zwischen Ethanolamin und Ammoniak: offen. Die Doktorarbeit von 2014 legt nahe, dass er erheblich sein könnte.
- Regulatorischer Stand: nicht geprüft; Angaben zu Verwendung, Höchstmengen und Arbeitsplatzgrenzwerten werden nicht aus zweiter Hand zitiert.
Quellen zur Einordnung
- Herb UK Ltd: Cosmetic Product Data Information Sheet, 16.01.2023, im Format der britischen Cosmetic, Toiletry and Perfumery Association — Organic Colour Systems Hair Colour (alle Nuancen) und Cream Peroxide 6 %. Herstellerunterlage, vom Betreiber bereitgestellt am 11.09.2026.
- Organic Colour Systems, pH-Tabelle aus den Schulungsunterlagen des Herstellers; nennt für die fertige Mischung pH 8,5 bis 9,5. Vom Betreiber berichtet am 11.09.2026, hier nicht im Original geprüft.
- Comparison of damage to human hair fibers caused by monoethanolamine and ammonia based hair colorants. Journal of Cosmetic Science, Band 65, Heft 1, 2014. Hält fest, dass für dieselbe Aufhellung ein höherer Anteil Ethanolamin nötig ist als Ammoniak. Begutachtete Fachzeitschrift, abgerufen am 11.09.2026.
- Hydrogen peroxide and monoethanolamine are the key causative ingredients for hair dye-induced dermatitis and hair loss. Journal of Dermatological Science, 2012. Tierversuch an Mäusen mit dreitägiger Anwendung; prüft die Bestandteile einer Haarfarbe einzeln. Begutachtete Fachzeitschrift, abgerufen am 11.09.2026.
- Smith R. A. W.: The Role of Monoethanolamine in Hair Bleaching and Dyeing — Mechanistic Insights from Model Formulations. Dissertation, University of York, 2014. Offener Zugang; findet, dass die Unterschiede zwischen Ethanolamin und Ammoniak in Modellsystemen mit starkem Komplexbildner verschwinden. Abgerufen am 11.09.2026.
Verwandte Stoffe
Bezogen auf: Alkalisierungs- und pH-Stellmittel
- Aminomethyl Propanol — Formulierungsbestandteil
- Ammonium Bicarbonate — pH-Puffer, Alkalisierung
- Ammonium Hydroxide — Alkalisierungsmittel
- Citric Acid — pH-Regulator und Komplexbildner
Weitere Stoffe derselben Gruppe, für die bereits eine ausführliche Einordnung vorliegt.
Einordnung zuletzt geprüft:
Erfasst in folgenden Produkten
Diese Liste dokumentiert, in welchen Produkten der Inhaltsstoff bei der Erfassung angegeben war. Sie ist keine Aussage über diese Produkte und keine Empfehlung. Hersteller ändern Rezepturen; maßgeblich ist stets die INCI-Angabe auf der aktuellen Verpackung.
- OCS Colour Gel
- Schwarzkopf IGORA ROYAL Absolutes
- Schwarzkopf Strait Styling Glatt
Belegquellen für das Vorkommen
- Manual OCS Salon Manual Colour 2026 Vom Auftraggeber bereitgestelltes Fachmanual
- Hersteller Schwarzkopf Professional IGORA ROYAL Absolutes Offizielle Quelle öffnen
- Hersteller Schwarzkopf Professional Strait Styling Glatt Offizielle Quelle öffnen